Was der ETF ist und warum er gerade explodiert
Der iShares Oil & Gas Exploration & Production UCITS ETF (ISIN: IE00B6R51Z18) notiert aktuell bei rund 33 Euro. Ende 2025 lag er noch unter 19 Euro. Der Fonds hält 66 globale Öl- und Gasförderunternehmen, bildet den S&P Commodity Producers Oil & Gas Exploration & Production Index physisch ab und thesauriert Dividenden. Die laufenden Kosten liegen bei 0,55 % pro Jahr, das Fondsvolumen bei rund 516 Millionen Euro. Trotz der Rally ist die Bewertung moderat: Das KGV steht bei 11,7, das KBV bei 1,4. Das bedeutet, dass die Gewinne der enthaltenen Unternehmen tatsächlich mitgewachsen sind und der Kursanstieg nicht auf Fantasie basiert. Der Grund für die Explosion ist einfach: Brent-Rohöl hat allein im März über 55 % zugelegt und notiert über 115 Dollar pro Barrel. Das ist der steilste Monatsanstieg, den es bei Brent jemals gegeben hat. Die Internationale Energieagentur nennt die aktuelle Lage die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarkts.
Drei Kriege, ein Ölmarkt
Die Welt hat nicht ein geopolitisches Problem, sondern mehrere gleichzeitig, und sie alle treffen den Energiemarkt.
Im Iran läuft seit dem 28. Februar ein offener Krieg mit den USA und Israel. Die Straße von Hormus, durch die normalerweise 20 % des weltweiten Öls fließen, ist faktisch geschlossen. Iran hat Handelsschiffe angegriffen, die Golfstaaten mit Raketen beschossen, Katar musste die LNG-Produktion stoppen. Saudi-Arabien und die Emirate leiten Öl über Pipelines zum Roten Meer um, aber die Kapazität reicht nur für einen Bruchteil der ausgefallenen Mengen. Mindestens 10 Millionen Barrel pro Tag sind vom Markt genommen.
In der Ukraine greift Kiew gleichzeitig systematisch russische Raffinerien und Exportterminals an, allein im März waren es zehn größere Angriffe. Russland verdient trotzdem mehr als zuvor, weil der gestiegene Ölpreis die Verluste überkompensiert. Putin hat Europa sogar wieder russisches Gas angeboten. Europa hat die russische Gasabhängigkeit seit 2022 von über 40 % auf 13 % gesenkt, steht aber durch den Ausfall katarischer LNG-Lieferungen erneut unter Versorgungsdruck. Russische E&P-Unternehmen sind zwar nicht im ETF enthalten, aber die Angriffe auf russische Infrastruktur verknappen das globale Angebot zusätzlich und treiben damit den Ölpreis, von dem die im ETF enthaltenen westlichen und internationalen Förderer direkt profitieren.
China ist der weltgrößte Ölimporteur und bezieht ein Drittel seines Rohöls durch die Straße von Hormus. Peking hat zwar rund 1,2 Milliarden Barrel an strategischen Reserven aufgebaut, das reicht für drei bis vier Monate. Die russischen Importe wurden Anfang 2026 um 300.000 Barrel pro Tag erhöht. Kurzfristig hält China durch. Aber bei einer Blockade über drei Monate hinaus wird es laut Analysten auch für Peking eng.
Die USA sind als größter Ölproduzent der Welt mit 13,6 Millionen Barrel pro Tag besser geschützt als die meisten Länder. Aber immun sind sie nicht. Der Benzinpreis ist auf 3,94 Dollar gestiegen, und die Verbraucherstimmung ist auf 53,3 Punkte gefallen, ein Niveau, das historisch mit Rezessionen zusammenfällt.
Die Weltwirtschaft unter Druck
Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits messbar. Goldman Sachs hat die US-Rezessionswahrscheinlichkeit auf 30 % angehoben. Das KI-Modell von Moody’s liegt bei 49 %, EY Parthenon bei 40 %. Die US-Notenbank hält den Leitzins bei 3,5 bis 3,75 % und steckt in einem Dilemma: Senkt sie die Zinsen, riskiert sie mehr Inflation. Hält sie die Zinsen, bremst sie die Wirtschaft. Oxford Economics hat berechnet, dass ein Brent-Durchschnitt von 140 Dollar über zwei Monate ausreichen würde, um die Eurozone, Großbritannien und Japan in eine Rezession zu drücken.
Europa wächst kaum noch. Die Eurozone liegt bei rund 1 % BIP-Wachstum, Großbritannien bei 0,8 %. Die EZB wird Zinssenkungen voraussichtlich verschieben müssen, weil die Energiepreise die Inflation antreiben. Die europäischen Gaspreise am TTF, dem maßgeblichen Terminmarkt für europäisches Erdgas, haben ein Dreijahreshoch erreicht.
Gleichzeitig warnen die CEOs der größten Ölkonzerne, dass die physische Knappheit schlimmer ist, als der Terminmarkt zeigt. Chevron-CEO Wirth sagt, die reale Versorgungslage sei deutlich enger als die Futures-Kurven suggerieren. Shell-CEO Sawan sagt, die Engpässe bewegen sich gerade von Südostasien nach Europa. Das ist ein wichtiges Signal: Der Markt könnte die Lage unterschätzen. Für den ETF bedeutet eine Rezession allerdings nicht automatisch steigende Kurse, denn selbst bei hohen Ölpreisen würden die Bewertungsmultiplikatoren der enthaltenen Unternehmen sinken, wenn Anleger eine sinkende Nachfrage einpreisen.
Wo der ETF in welchem Szenario landet
Die Preisentwicklung des ETF hängt direkt am Ölpreis. Die enthaltenen E&P-Unternehmen haben weitgehend fixe Förderkosten und verdienen bei steigendem Ölpreis überproportional. Auf Basis der aktuellen Analystenschätzungen und der historischen Korrelation zwischen Brent und dem ETF-Kurs ergeben sich folgende Szenarien:
Brent 70 bis 80 Dollar, ETF ca. 20 bis 25 Euro
Diplomatische Lösung, Hormus öffnet in Q2. Vor dem Krieg war der Ölmarkt strukturell überversorgt. Die EIA erwartet in diesem Fall Brent bei 70 Dollar bis Jahresende. Das wäre ein Rückgang von über 30 % beim ETF.
Brent 100 bis 120 Dollar, ETF ca. 32 bis 38 Euro
Die Lage bleibt wie jetzt. Goldman erwartet Brent bei 115 Dollar im April, fallend auf 80 Dollar bis Jahresende. Das ist das aktuelle Basisszenario der meisten Analysten.
Brent 120 bis 150 Dollar, ETF ca. 38 bis 48 Euro
Hormus bleibt monatelang geschlossen, die Eskalation geht weiter. Wood Mackenzie hält 150 Dollar für realistisch. Goldman warnt, dass bei zehn Wochen Blockade der Brent-Rekord von 2008 bei 147,50 Dollar gebrochen werden könnte.
Brent 150 bis 200 Dollar, ETF ca. 48 bis 60 Euro
Alle Krisenherde eskalieren gleichzeitig. Iran, Ukraine, arabische Golfstaaten, chinesische Versorgungskrise. Wood Mackenzie sagt, 200 Dollar sei nicht ausgeschlossen. Aber genau in diesem Szenario rutscht die Weltwirtschaft in eine Rezession, und die Nachfrage bricht ein. Der Ölpreis deckelt sich dann selbst von oben. Die historische Schmerzgrenze lag 2008 bei 147 Dollar, inflationsbereinigt wären das heute rund 224 Dollar.
Das entscheidende Datum ist der 6. April: Trumps Frist an Iran zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus. Danach folgen der US-Arbeitsmarktbericht am 4. April und die Fed-Sitzung am 28. und 29. April. Jedes dieser Ereignisse kann die Richtung ändern. Eine Position in diesem ETF ist kein Renditeversprechen, sondern eine begründete Wette darauf, dass die Welt nicht so schnell zur Ruhe kommt. Wer einsteigt, sollte wissen: Eine einzige Nachricht über eine Teilöffnung von Hormus kann den Kurs sofort um 15 % oder mehr drücken.
Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung. Alle Szenarien basieren auf öffentlich zugänglichen Analysteneinschätzungen und Marktdaten. Geopolitische Entwicklungen sind per Definition nicht vorhersagbar.
Quellen:
1. Goldman Sachs Research: How will the Iran conflict impact oil prices (03/2026)
2. CNBC: How big oil CEOs see the Iran war playing out (28.03.2026)
3. Al Jazeera: Could oil hit $200 a barrel? (19.03.2026)
4. Fortune: Goldman raises recession odds to 30% (25.03.2026)
5. EIA Short-Term Energy Outlook (10.03.2026)